JOHN CAGE, EMPTY MIND
Herausgegeben mit Walter Zimmermann, Berlin 2012
Den Kopf befreit und die Füße in Versen.
JOHN CAGE, EMPTY MIND
ANTHROPOLOGIE DES WASSERS
Anne Carson, Anthropologie des Wassers, aus dem Amerikanischen, Berlin 2014
Wasser ist etwas, was du nicht halten kannst. Wie Männer. Ich habe es versucht.
ANTHROPOLOGIE DES WASSERS
VON LUMPEN UND FUNKEN
Notate zu dem Plakat von Patrizia Bach über die Farben und Symbole von Walter Benjamins Passagenarbeit.
Er las, als schleife er ein Fischernetz über den Meeresgrund der versammelten Fakten und Gedanken; das Wissen der anderen, das sich in seinem Netz verfing, wurde ans Land der Jetztzeit geborgen und gerettet.
VON LUMPEN UND FUNKEN
ALBERTO GIACOMETTI, LA CAGE 1949/50
in: Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945, 2012
Giacometti beharrt auf der Figur; er gibt sie nicht auf, so klein, so schmal, so fern sie auch sein mag.
ALBERTO GIACOMETTI, LA CAGE 1949/50
PHILIPPE REKACEWICZ, KARTENMACHEN
Philippe Rekacewicz, „Kartenmachen“, in Die Sehnsucht des Kartographen, hg. von Stefan Berg, Kunstverein Hannover, Hannover 2004
Die Karte als Lügengebilde. Zunächst als Auslassungslüge. Denn selbst wenn die Karte auf kleinstem Format wiedergibt, was in großen, weiten Räumen existiert, ist jede Karte gleichwohl eine gefälschtes Abbild der Wirklichkeit, da man eben niemals alles vorhandene abbilden kann. 
PHILIPPE REKACEWICZ, KARTENMACHEN
VOM SCHWIMMEN IN SEEN UND FLÜSSEN
Tagtigall vom 11.07.2016
Der Himmel bietet mittags große Stille
VOM SCHWIMMEN IN SEEN UND FLÜSSEN
IN PARADISUM
Zum Tode des schwedischen Dichters, Philosophen, Mathematikers und Romanciers Lars Gustafsson.
irgendwo in der Nähe
der Füße, dort, wo die Zehen
vorsichtig in eine nächtliche Welt
Ausschau halten
IN PARADISUM
HANNAH ARENDTS GEDICHTE
Hrsg. mit Barbara Hahn, Urs Engeler, roughbooks 2006
Es rührt mich heute noch.
HANNAH ARENDTS GEDICHTE
VERLERNEN. DENKWEGE BEI HANNAH ARENDT.
Erschienen bei Matthes & Seitz, Berlin 2011, 152 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnungen von Nanne Meyer
Die Liebe entflammt, unabhängig von ihrer Gangbarkeit; und auch im Scheitern erschöpft sie sich nicht.
Die Taten bleiben, sie werden nicht vergessen, aber sie sollen nicht mehr zwischen den Menschen stehen.
VERLERNEN. DENKWEGE BEI HANNAH ARENDT.
SCHWARZE SCHMETTERLINGE
Tagtigall vom 03.06.2016
Die Elandantilope hört teilnahmsvoll zu.
SCHWARZE SCHMETTERLINGE
SEHEN WAS NICHT VORGESEHEN
Tagtigall vom 19.04.2016
Wer in der Schule mit Gedichtinterpretationen gequält wurde, ist auf Dichtung und besonders auf die Frage "Was will der Dichter uns damit sagen?" zunächst sehr schlecht zu sprechen.
SEHEN WAS NICHT VORGESEHEN
RAUSCHWARZ, RAKUSCHWARZ
Tagtigall vom 07.03.2016
Wir benötigen sie schließlich, die Natur - selbst um den Preis, dass wir sie uns erfinden müssen.
RAUSCHWARZ, RAKUSCHWARZ
SANDALEN BEI SZALANSKI
Tagtigall vom 01.02.2016
und die "schönsten Jungs" findet das Ich im Krankenhaus, wo es in der Personaltoilette mit dem Kopf gegen den Spiegel schlägt
SANDALEN BEI SZALANSKI
ERKENNTNISHUNGER UND SCHÖNHEITSDURST
Tagtigall vom 17.12.2015
Es hebt immer meine Laune,
einen Schlafenden so anzuschauen,
dass er aufwacht und Fragen stellt,
die man nicht beantworten muss
ERKENNTNISHUNGER UND SCHÖNHEITSDURST
ROTE MILCH
Tagtigall vom 12.11.2015
Nachdenken über den inneren Zirkus der Worte.
ROTE MILCH
DER UNERHÖRTE ANFANG
Tagtigall vom 07.10.2015
NAKOKNIKOKTIKA NOKOKNITOKTIKÉ
TIKOKTOKA NIKANTE ANKTIKÉ
DER UNERHÖRTE ANFANG
AUFFLIEGENDE KRANICHE
Tagtigall vom 07.09.2015
Ein haltloser Tag ist das heute.
AUFFLIEGENDE KRANICHE
FÜR EINE BESSERE ZUKUNFT
Die wundersame Reise eines äthiopischen Fotografen in das Wiederaufbau-Deutschland
Die Deutschen, der Entpersönlichung im Nationalsozialismus entronnen, wollten um nahezu jeden Preis wieder Typen sein, so wie die Frau im VW-Werk mit ihrem hochtoupiertem Haar und ihrem buntgemusterten Kleid
FÜR EINE BESSERE ZUKUNFT
IM MOMENT IST LACHEN VOR ALLEM EIN VORWAND
Ein Besuch bei David Grossman
Lebenslügen und Lippenbekenntnisse sind Ersatzhandlungen. Mitunter verschanzen sich die Menschen über Jahre dahinter. Manchmal panzern sich auch ganze Gesellschaften auf diese Weise.
IM MOMENT IST LACHEN VOR ALLEM EIN VORWAND
EINE VERKEHRTE WELT AUF DEN KOPF STELLEN
David Grossman überrascht seine Leser
Du berührst die Leute, und schon machen sie die Beine breit.
EINE VERKEHRTE WELT AUF DEN KOPF STELLEN
VOM ÜBERSETZEN – FÜNF ANNÄHERUNGEN
in: "Sprache - Ein Lesebuch von A-Z. Perspektiven aus Literatur, Forschung und Gesellschaft"
Der Übersetzer ist ein Seifensieder, der sprachliche Ingredienzen zur Reaktion bringt, wieder und wieder.
VOM ÜBERSETZEN – FÜNF ANNÄHERUNGEN
ÜBER EMEKA OGBOHS KLANGINSTALLATION
Warum Emeka Ogbohs Arbeit ins Berliner Humboldt-Forum gehört
Jeder Migrant singt die Hymne in seiner eigenen Sprache
ÜBER EMEKA OGBOHS KLANGINSTALLATION
LOB DEM ANGRIFF
Laudatio auf Charles Bernstein und die beiden Übersetzerkollektive
Das Alphabet sei gefrorener Klang, hat Charles Bernstein einmal gesag
LOB DEM ANGRIFF
AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE
zur Kunstbiennale in Venedig 2015
Auf den Sockeln finden sich Zitate aus George Orwell Shooting an Elefant. „Wo der weiße Mann tyrannisch wird, zerstört er seine eigene Freiheit.“ 
AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE
DON'T MIND THE GAP
Tagtigall vom 02.06.2015
jalousien aufgemacht, jalousien zugemacht, / 
jalouzien aufgerauft, zulozien raufgezut
DON'T MIND THE GAP
AUF DER SUCHE NACH FRANKREICH ODER EINEM WURM
Tagtigall vom 3. 8. 2015
Für eine Wiese braucht es Klee und Bienen, / Je eins von ihnen
AUF DER SUCHE NACH FRANKREICH ODER EINEM WURM
DENN WIR HABEN DEUTSCH
Luthers Sprache aus dem Geist der Übersetzung, hg. M.L. Knott, Thomas Brovot, Ulrich Blumenbach, Matthes & Seitz Berlin, 2015
Luther ging zum Fleischer und wohnte der Schlachtung eines Hammels bei, ließ sich von Handwerkern ihr Werkzeug erklären, benutzte Wörter und Wendungen mit regional oder sozial eingeschränktem Geltungsbereich, festigte und mehrte so den Reichtum der eigenen Sprache.
DENN WIR HABEN DEUTSCH
EINE INTERNATIONALE FÜR SICH
Eine Rezesion zu Joachim Sartorius: "Niemals eine Atempause". Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert
Ingeborg Bachmann erzählte einmal, sie habe aufgehört zu dichten, als ihr der Verdacht kam, sie "könne" jetzt Gedichte schreiben, auch "wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe".
EINE INTERNATIONALE FÜR SICH
LÜCKEN UND LEEREN
Tagtigall vom 18.02.2015
Lavinia Greenlaws Schreiben speist sich aus Schattierungen der Unschärfe in der Sprache.
LÜCKEN UND LEEREN
DIE RAUBTIERE WERDEN IMMER SCHNELLER
Tagtigall vom 20.01.2015
In seinem Gedicht "Sprachproblem" schreibt Dan Pagis, Ivrit sei ein junges ungestümes Ding, permanent im Wandel
DIE RAUBTIERE WERDEN IMMER SCHNELLER
DIE ALLEE DER DEUTUNG
Tagtigall vom 12.12.2014
Die antike Form muss nicht das letzte Wort sein, aber wer einmal da durchgegangen ist, verhält sich anders.
DIE ALLEE DER DEUTUNG
DER SPAN DES GEGENWÄRTIGEN UND SEIN KAMPF MIT DEN NICHTS
in: Schreibheft 84, 2015
Sprache, so notiert Hannah Arendt im September 1950, vermenschlicht die Wirklichkeit, deren „Schock man ohne das Zum-Wort-Werden nicht aushalten würde“.
DER SPAN DES GEGENWÄRTIGEN UND SEIN KAMPF MIT DEN NICHTS
ÜBER EIGENART
Tagtigall vom 21.11.2014
Die Welt der Dichtkunst, bei Christian Friedrich Hebbel ist sie noch in Ordnung, ganz ungefragt bei sich und in ihrem Element
ÜBER EIGENART
DU RICHTEST DEN KOPF HOCH
Tagtigall vom 27.10.14
Die Straßen sind des Stadtbaums Äste
DU RICHTEST DEN KOPF HOCH
KÖRPER, BERAUBT
Antjie Krog. Körper, beraubt, Berlin 2014, mit einem Nachwort von Marie Luise Knott
In allen Gedichten ringt Antjie Krog darum, wie eine Renaissance der Idee des Menschseins heute beschaffen sein könnte.
KÖRPER, BERAUBT
JEDES WORT EIN DIVERSANT
Tagtigall vom 08.09.2014
So manches Relikt beharrt bei Beyer auf seiner Gegenwart, wird uns wie Anri Salas Geisterkrabben aus dem Unsichtbaren auftauchend für Augenblicke völlig gegenwärtig.
JEDES WORT EIN DIVERSANT
KOMPONIERTE SPRACHE ZUM LAUT LESEN
zu Franz Joseph Czernins "zungenenglisch. visionen, Varianten", Beitrag im Deutschlandfunk vom 20.08.2014
Czernins Verse durchwandern himmlische und höllische Kreise, werden kabbalistisch gedreht und gewendet; Komposita offenbaren je nach Aussprache verschiedene Sinngehalte. "Versehen" kann man auch als "Vers-ehen" lesen, "schrei-brot" auch als "schreib-rot", "sehr gewagt" auch als "Särge wagt!".
KOMPONIERTE SPRACHE ZUM LAUT LESEN
LADIVINE
zu dem Roman von Marie NDiaye, Beitrag im Büchermarkt, Deutschlandfunk, 2014
NDiayes Sprache dreht und wendet mehr Zwischenmenschliches, als wir uns vor der Lektüre haben vorstellen können, und so ist es ihr großartiges Verdienst, dass der Leser allen Figuren ins Herz schaut. In ihre Mördergruben, in denen so viel Sehnsucht nach Güte herrscht.
LADIVINE
HÖRNERSCHWUNG
Tagtigall vom 12.07.2014
Einer der eingeladenen Dichter sah sich im Gespräch auf dem Dorfplatz, beim Anblick der hochgeschichteten Walliser Felswände, an Häute riesenhafter Elefanten erinnert, über deren sprichwörtliches Gedächtnis wiederum andere Autoren rätselten, während einer der anwesenden Verleger von der Intelligenz des Bartgeiers schwärmte, der große Knochen, die er selbst nicht aufknacken könne, aus dem Flug zu Boden fallen lasse.
HÖRNERSCHWUNG
ALLTÄGLICHE ABWESENHEIT
Tagtigall vom 10.06.2014
Esther Dischereits Klagelieder hadern stammelnd mit der spektakulär-unspektakulären alltäglichen Abwesenheit der Ermordeten.
ALLTÄGLICHE ABWESENHEIT
INS AUSGESPARTE HINEIN
Tagtigall vom 14.05.2014
Dichter schreiben prosaische Texte nieder, klauen ihnen Punkt und Komma und vielleicht noch das ein oder andere, und dann brechen sie die Sätze scheinbar willkürlich in Zeilen auf, völlig unabhängig von Grammatik- oder Sinn-Einheiten. Man ahnt: das Öffnen der Sätze ins Ausgesparte hinein ist ein dichterisches Wagnis.
INS AUSGESPARTE HINEIN
EIN WINKEN DENKEN / AN DER GRENZE ZUR WUT
Tagtigall vom 31.03.2014
Mitkörperlicher Präzision und Phantasie beobachtet Martina Hefter sich beim Stehen im überfüllten U-Bahn-Waggon oder auf einer Stehpartie; dabei übersetzt sie Sprache in Bewegung und Bewegung in Sprache.
EIN WINKEN DENKEN / AN DER GRENZE ZUR WUT
UND EIN VOLLES GLAS AUF DEM SCHRANK BEOBACHTET UNS
Tagtigall vom 25.03.2014
"Was wäre, wenn überhaupt nichts mehr wäre? Wenn ich keines all der schwierigen Dinge, die ich gerade tue, fertig stellen müsste?"
UND EIN VOLLES GLAS AUF DEM SCHRANK BEOBACHTET UNS
ZWISCHEN SCHWEIGEN UND SCHREIBEN
Tagtigall vom 26.02.2014
Es gibt eine Theorie, die besagt: Wir leben nicht sehr viel. Die meiste Zeit erinnern oder hoffen wir.
ZWISCHEN SCHWEIGEN UND SCHREIBEN
DIE GEHEIMEN GESETZGEBER DER WELT
Tagtigall vom 27.01.2014
Wir tun gut daran, uns den Kopf von der Dichtung in ungeahnte Richtungen verdrehen zu lassen, gut daran, nicht vor der "letztlichen Trostlosigkeit zu kneifen" und uns unsere eigenen gespenstischen Fixierungen ans Vorhandene vor Augen zu führen.
DIE GEHEIMEN GESETZGEBER DER WELT
NUR EIN STÜCK DER PRANKE
Tagtigall vom 19.12.2013
Wenn es stimmt, dass Gedichte Störmaschinen sind, so ist Lindners Poesie in aller Schönheit eine solche Störmaschine.
NUR EIN STÜCK DER PRANKE
MIT ANDEREN WORTEN. ZUR POETIK DER ÜBERSETZUNG
Herausgegeben mit Georg Witte. Erschienen bei Matthes & Seitz, Berlin 2014, 204 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
„Ja, ja, nicht nur die Geiger-, auch die bei einer sich engagiert nennenden Literatur so verrufenen Silbenzähler registrieren einiges.“ (Paul Celan)
MIT ANDEREN WORTEN. ZUR POETIK DER ÜBERSETZUNG
WELCH EIN GLÜCK, WELCH EIN GEMETZEL
Nichts ist sicher, also schreib! Michael Krüger und Federico Italiano sichten die Strömungen und Tendenzen der italienischen Lyrik der Gegenwart. Beitrag im Feuilleton der FAZ, 16.01.2014
Stattdessen blickt der Leser in Hügel von Glück, Trauer und Not, hört, wie sich Oleander auf Alexander reimt, aber auch Fischer auf Schmerz (pescatore, dolore). Des milden Klimas wegen ist Eis in diesem Poetenreich anscheinend vor allem eine Metapher der Angst.
WELCH EIN GLÜCK, WELCH EIN GEMETZEL
DIE KINDHEIT JESU
zu dem Roman von J. M. Coetzee, Beitrag im Büchermarkt, Deutschlandfunk, 2013
Gäbe es nicht den Titel des Buches, wären auch wir Leser im Laufe des Romans immer mehr geneigt, der Mutter, die ja noch nicht einmal die leibliche Mutter ist, das Kind abzunehmen, und es dem gemäßigteren Nicht-Vater Simón zurück zu überantworten.
DIE KINDHEIT JESU
DAS VERSCHWINDEN DES PHILLIP S
zu dem Roman von Ulrike Edschmid, Beitrag im Büchermarkt, Deutschlandfunk, 2013
Sie haben jetzt Maschinenpistolen, und mein Sohn wünscht sich ein Gewehr.
DAS VERSCHWINDEN DES PHILLIP S
VOM KRIEG DER WÖRTER ZUM BUND DER WORTE
Ums Leben erzählen. Eine Begegnung mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman“ , TAZ 2009
Was für ein Konstrukt! Eine Frau flieht bis ans Ende des Landes, weil sie nicht hören will, was ihr verkündet werden könnte.
VOM KRIEG DER WÖRTER ZUM BUND DER WORTE
EINEN REIM AUF DIESE WELT
Zu Rolf Bossert ’Lied’, in Frankfurter Anthologie, 37, 2013
Es bedarf offensichtlich zahlreicher Luftwurzeln, um sich in totalitären Zeiten die Fähigkeit zum Dialog mit sich selbst zu erhalten.
EINEN REIM AUF DIESE WELT
DER SCHNEE UND DAS PERFEKT
Zu Andreas Altmann ’Schneefarben’“, in Frankfurter Anthologie, 37, Frankfurt, 2013
Das Perfekt ist das zeitliche Pendant zum Schnee, denn anders als das Präteritum betont das Perfekt das Fortwirken des Vergangenen in der Gegenwart.
DER SCHNEE UND DAS PERFEKT
VOR DEN MÜTTERN STERBEN DIE TÖCHTER
Zu Elisabeth Kulmann, ’Gekämpft hat meine Barke’, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. April 2013
Der Verlust der eigenen Kinder ist vielleicht der schrecklichste Fluch der Götter. Um diesen Schrecken zu bannen und zu bändigen, hat Elisabeth Kulmann Reim, Klang und Versmaß konventionell-harmonisch gestaltet, volksliedhaft.
VOR DEN MÜTTERN STERBEN DIE TÖCHTER
CHRISTIAN MORGENSTERN
Das Schwelgen in schönen neuen Adjektiven hat seinen eigenen Reiz, in FAZ, 2013
Eins ist gewiß: Die Natur, die tröstliche, wird, solange es sie gibt, vor keiner Schönheit und Überfülle zurückschrecken.
CHRISTIAN MORGENSTERN
DIE WELT IM KOPF
in Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945, 2012
Früher haben die Menschen geglaubt, immer von einem Gott gesehen zu sein. Heute ist jeder zunächst für sich allein. Die Welt im Kopf ist ein Ort, den niemand sonst je zu Gesicht bekommt.
DIE WELT IM KOPF
MONA HATOUM, THE LIGHT AT THE END 1989
in Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945, 2012
Seither lädt sie in ihren Arbeiten einfache Objekte mit physischen Sensationen auf oder schließt sie mit möglichen Schreckensmomenten aus den Bild- und Erinnerungswelten der Besucher kurz.
MONA HATOUM, THE LIGHT AT THE END 1989
VERLOR'NES GLÜCK
zu Gottfried Benns "schöner Abend", in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2012
Über den Goldzahn einer toten Dirne etwa heißt es in dem frühen Gedicht „Kreislauf“: „Den schlug der Leichendiener sich heraus, versetzte ihn und ging für tanzen.
VERLOR'NES GLÜCK
JOHN CAGE, EMPTY MIND
John Cage, Empty Mind (zusammen mit Walter Zimmermann), Berlin 2012
Die Nebeldünste des Chaos hatten viele Mühen aufgewandt, um mit dem Chaos selbst in Verbindung zu treten. Als es ihnen schließlich gelungen war, hüpfte das Chaos herum wie ein Vogel und klatschte sich auf den Hintern.
JOHN CAGE, EMPTY MIND
ANTONIO CALDERARA, SENZA TITOLO UND SPAZIO LUCE
in Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945, 2012
Die Körper und Gegenstände scheinen bei Calderara nur mehr in dem Maße zu existieren, wie sie durch das Licht erhellt und moduliert werden. So holt er die weltschaffende Dimension des Lichtes ins Bild.
ANTONIO CALDERARA, SENZA TITOLO UND SPAZIO LUCE
ELIJA-LIISA AHTILA, THE TENT HOUSE
in Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945, 2012
Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen«, notierte einst Blaise Pascal, dabei hätte er es wissen können, wie schnell Wohnzimmer in Wahnzimmer mutieren, in Orte, die man verlassen muss, weil sich in ihnen zu viele Vorstellungen und Gefühle stauen.
ELIJA-LIISA AHTILA, THE TENT HOUSE
DIE GESCHICHTE VOM SCHLAFENDEN JUNGEN
Zu Aharon Appelfeld ’Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen’“, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Februar 2012
Erwin, ein 16-jähriger Jude aus Osteuropa, ist von einer unendlichen Müdigkeit erfasst. Schlafend ist er den Schrecken entronnen, gerettet von seinen Nebenmenschen, von jenen, die vorbeikamen und ihn mitnahmen.
DIE GESCHICHTE VOM SCHLAFENDEN JUNGEN
EIN SCHELM DER BÖSES DABEI DENKT
zu Mathias Claudius' "die Mutter bei der Wiege" in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2012
Von der Liebe ist in diesem Gedicht in jeder Zeile die Rede, ohne dass sie genannt wird.
EIN SCHELM DER BÖSES DABEI DENKT
CHAPEAU, HERR RIMBAUD
Laurence Maurel, Chistian Straboni, Chapeau, Herr Rimbaud! Comic, Berlin 2011
Anfang Oktober war die Karawane endlich startklar. Vor unserem Aufbruch besuchte Rimbaud noch den Sultan Abou Bekr und seinem Clan, denn in Tadjoura und in dem Französischen Protektorat Obock geschah nichts ohne dessen Zustimmung.
CHAPEAU, HERR RIMBAUD
DIE SEELE AUCH
zu Sarah Kirschs "ich wollte meinen König töten, in FAZ, 2011
Irgendwann erhärtet sich beim Lesen der Verdacht, das Gedicht handele – a u c h oder primär - von etwas ganz anderem. Die mittlere Zeile Das Ding Seele, dieses bourgeoise Stück kann als Schlüssel für diese zweite Ebene gelesen werden.
DIE SEELE AUCH
BLOSS ZUM GUCK
Zu Karl Wolfskehl Lobgesang, in Frankfurter Anthologie, 35, Frankfurt 2011
Damals war das Bedichten und Besingen in Vereinen noch gang und gäbe. Ironie und Frivolität gehörten dazu.
BLOSS ZUM GUCK
TRITT UM TRITT INS LEERE
Zu Franz Josef Czernin ’über bögen, über felder’“, in Frankfurter Anthologie, 35, Frankfurt 2011, S. 209-213
Er zurrt seine Strickleitern des Klangs derart fest, daß auch der Sinn mitunter in andere Höhen klettern kann.
In der Kindheit erfahren wir die Sprache zunächst als Klangreich. Lirum larum Löffelstiel. Ene mene ming mang. Sinn und Verstand vertreiben uns aus diesem Reich, doch glücklicherweise gelingt ihnen dies zeitlebens nie ganz. Die Klangdimension der Sprache hat ihr Eigenleben in Liebesbekundungen sowie in Witz, Schmerz, Traum - und in jedem guten Gedicht.
TRITT UM TRITT INS LEERE
HANNAH ARENDT – GERSHOM SCHOLEM
Der Briefwechsel, Herausgabe unter Mitarbeit von David Heredia, Berlin 2010
Sein Lebenswerk untersucht das „Werden und Vergehen von Bildern und Symbolen, von Ideen und Ideologien“ aus der jüdischen Mystik, die – nun, da die Gegenwart dem Menschen zur Frage geworden war – in einem ganz neuen Licht erschienen.
HANNAH ARENDT – GERSHOM SCHOLEM
ZWISCHEN GEWISS UND UNGEWISS
zu Werner Söllners "Am Bodensee", in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2010
„Dichter sündigen nicht so schwer“, hat Goethe gesagt, und tatsächlich haben sie einen eigenen Himmel und eine eigene Hölle. Söllner erzählt aus seiner „Hölle“ und bietet dabei durch die Schönheit der Verse ein Stück Dichterhimmel. 
ZWISCHEN GEWISS UND UNGEWISS
UNTER SCHMEISSFLIEGEN. JAGDSZENEN AUS ESTLAND
Die finnische Autorin Sofi Oksanen und ihr historischer Roman ’Fegefeuer’“, in Der Tagesspiegel, 21. Oktober 2010
Oksanens Protagonistinnen scheitern bei ihren Versuchen, sich die große Geschichte zu ihrem kleinen Vorteil zurechtzurücken.
UNTER SCHMEISSFLIEGEN. JAGDSZENEN AUS ESTLAND
AUS EINER TOTENPOST
Erbschaft glücklicher Zeiten, belastet vom Schrecken der Geschichte: Wie das erste Schreibwerk von Walter Benjamin die Jahrzehnte überlebt, FAZ 2010
Als die Fässer endlich in Durham, an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort, ankamen, waren die Empfänger tot, weshalb die Kisten - begierig, “irgendwo Ruhe zu finden” (Stern) - wie von Engelshand geleitet, den Weg zu dem Sohn nach Manhattan fanden. “Totenpost” notiert er.
AUS EINER TOTENPOST
ABSTRAKTER EXPRESSIONISMUS, DIE DOCUMENTA II UND DAS ENDE DES KALTEN KUNSTKRIEGES
in Ästhetik + Politik. Neuaufteilungen des Sinnlichen in der Kunst, hg. von Michaela Ott und Harald Strauß, Schriftenreihe der HFBK Hamburg, Hamburg 2009
1959, zur Zeit der documenta II, war die Westbindung Europas, anders gesagt, die Osterweiterung der USA, auf dem Kunstmarkt abgeschlossen.
ABSTRAKTER EXPRESSIONISMUS, DIE DOCUMENTA II UND DAS ENDE DES KALTEN KUNSTKRIEGES
WAS BLEIBT SIND HERZ, SCHMERZ, EINSAMKEIT UND TRÄNEN
Zu Hanna Krall ’Herz König’“, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. November 2007
Eine Frau, die sie nicht kennt, ruft sie an und teilt ihr mit, dass eine Frau, die sie beide nicht kennen, sie bittet, ein Buch über sie zu schreiben.
WAS BLEIBT SIND HERZ, SCHMERZ, EINSAMKEIT UND TRÄNEN
HANNAH ARENDT. VON DEN DICHTERN ERWARTEN WIR WAHRHEIT
zusammen mit Barbara Hahn, Schriften des Literaturhauses Berlin, Band 17, Berlin 2007
Wenn nötig, mache ich dem Papier Platz.
HANNAH ARENDT. VON DEN DICHTERN ERWARTEN WIR WAHRHEIT
DEUTSCHLAND IM DRECK, EIA WEIA WEG
Wie Robert Gilbert den Lebenshunger der Weimarer Republik und den Schock der NS-Zeit in Schlagerzeilen fasste, in Der Tagesspiegel, 2. Juni 2007
Wo Malewitsch den weißen Vorhang vom Himmel reißen wollte, um die blaue Laterne zu sehen, wollte Robert Gilbert den Äquator bepinseln.
DEUTSCHLAND IM DRECK, EIA WEIA WEG
ZEHN JAHRE DER ZEIT VORAUS
Zum 10jährigen Bestehen von Le Monde diplomatique, in Le Monde diplomatique, 13. Mai 2005
Als im April 1995 in Paris im holzgetäfelten Büro des Zeitungsverlegers Jean-Marie Colombani der Vertrag über eine deutschsprachige Ausgabe von Le Monde diplomatique mit goldenem Kugelschreiber unterzeichnet wurde, stießen beim anschließenden Champagner zwei Kulturen miteinander an: Die Kreuzberger und Zürcher Spontiszene und der formvollendete Pariser Chic.
ZEHN JAHRE DER ZEIT VORAUS
WOLKEN UND LANDSCHAFTEN. ZU EINIGEN BILDERN VON PETER FRIE
in Peter Frie, Ausstellungskatalog, Galerie Lars Brohan, Stockholm Winter 2004/2005
Ich frage mich, warum man von Landschaftsmalerei immer von neuem fasziniert ist. Es ist doch alles schon so oft gemalt worden.
WOLKEN UND LANDSCHAFTEN. ZU EINIGEN BILDERN VON PETER FRIE
ALBERT CAMUS, WAS ICH DEM SPORT VERDANKE
Albert Camus, „Was ich dem Sport verdanke“, in Le Monde diplomatique, 11. Juni 2004
JA, ich habe mehrere Jahre bei RUA gespielt. Es kommt mir so vor, als sei es gestern gewesen. Aber als ich 1940 noch einmal meine Stollenschuhe anzog, merkte ich, dass es nicht gestern gewesen sein konnte. Noch vor Ende der ersten Halbzeit hechelte ich wie ein Hund in der Kabylei, der um zwei Uhr nachmittags in der Aprilsonne durch Tizi Ouzou trottet.
ALBERT CAMUS, WAS ICH DEM SPORT VERDANKE
THAT WAS MY BERESINA
Producing an international monthly of French origin in German”, in Eurozine, 21. Juni 2004
In more concrete terms: We take out those articles that are too "French", but since this would leave us with a cheese with too many holes, we are then concerned with introducing our own "colours and patterns" into the paper.
THAT WAS MY BERESINA
ÜBER DAS VERSCHWINDEN
Eine Annäherung an Zeichnungen von Nanne Meyer, in Lufttexte, Katalog, Köln 2003
Kleinen Kindern gelingt es mühelos: Sie halten sich die Hand vor die Augen und sagen dem Erwachsenen „Lisa weg.“ Sie glauben, sie seien verschwunden, weil sie die Welt vor ihren Augen zum Verschwinden gebracht haben. Wenn sie die Hände von den Augen nehmen, sagen sie: „Wieder da!"
ÜBER DAS VERSCHWINDEN
VON ROHEN UND GEKOCHTEN VÖLKERN
Zum ’Atlas der Globalisierung’“, in die tageszeitung, 8. März 2003
Als "gekocht" gelten Volksgruppen, die sich der Han-Kultur assimiliert haben, während die "rohen" Völker ihre Eigenart zu bewahren vermochten.
VON ROHEN UND GEKOCHTEN VÖLKERN
WENN DU NACH JERUSALEM FÄHRST
Eindrücke einer Reise“, in Le Monde Diplomatique, 12. Juli 2002
Die israelische Gesellschaft zerfällt derweil in kleine Inseln, auf denen Familien und peer-groups miteinander versuchen, in diesen finsteren Zeiten Anstand und Würde zu bewahren. Besucher, die von außen kommen, werden freundlich auf diese Inseln eingeladen.
WENN DU NACH JERUSALEM FÄHRST
EUTHANASIE MIT EINFÜHLUNG
Die Schlächter dessen, was wir verzehren, sind unter uns. Darüber lässt J. M. Coetzee eine seiner Romanfiguren erschrecken. Unser Verhältnis zu den Tieren treibt den südafrikanischen Autor um, TAZ, Februar 2001
Auf die Frage von Mrs. Costello "Warum kann ich mich nicht damit abfinden, dass alles freundlich aussieht und mörderisch ist?" antwortet ihr Sohn in Das Leben der Tiere mit einer Umarmung - und mit dem Satz: "Bald ist es vorbei." Was eigentlich? Das Leben? Oder: diese unmenschliche Zeit?
EUTHANASIE MIT EINFÜHLUNG
HANNAH ARENDT, VOR ANTISEMITISMUS IST MAN NUR AUF DEM MONDE SICHER
Beiträge für die deutsch-jüdische Zeitschrift "Aufbau", 1941-1945, München 2000
Es ist gar nicht so leicht, Menschen oder Völker apathisch zu machen. Aber wir scheinen es geschafft zu haben.
HANNAH ARENDT, VOR ANTISEMITISMUS IST MAN NUR AUF DEM MONDE SICHER
DIE MARTER DER PUREN GEGENWART
Über die Auseinandersetzung mit dem Tode Christi bei Vittorio Carpaccio und Francis Bacon, in Die literarische Welt, 1999
Bacon war ein figurativer Maler, doch keines der Bilder erzählt etwas. Ihm geht es darum, einige der Schutzschichten, die die Empfindungen gewöhnlich verhüllen, herunterzureißen, und näher an die einzelnen Empfindungen heranzugelangen. Die Suche nach Empfindungszonen, die zu einem tieferen Gefühl für die Wirklichkeit führen, steht im Zentrum seines Malens.
DIE MARTER DER PUREN GEGENWART
UND DAS ZUR WEIHNACHTSZEIT
Gedanken über Gebürtigkeit und Sterblichkeit und die Installationen von Paul Thek, in die tageszeitung, 20./21. Dezember 1997
Die Vereinigung von Liebe und Hoffnung geht zwar im ausgehenden 20. Jahrhundert auch an Weihnachten nie wirklich gut, aber es hält immer ein bißchen vor.
UND DAS ZUR WEIHNACHTSZEIT
DER WALD DER TOTEN DICHTER
Danielle Auby, Köln 1995
Hätte man die Bäume woanders angepflanzt, in einem weniger feindlichen Boden, hätten sie besser gehalten. Sie hätten nicht in einem solchen Ausmaß stellvertretend gestanden für die Wirklichkeit der Menschen, wie sie es jetzt tun, Eindringlinge, Schwächlinge, zu zivilisiert, um es sich gut gehen zu lassen, und zu widerständisch, um das Gedenken wirklich übernehmen zu können.
DER WALD DER TOTEN DICHTER
JEAN VAUTRIN, GROOM
Jean Vautrin, Groom, Berlin 1995
Impala ist nicht etwa der Name eines Wirbelsturmes. Sondern der meiner Freundin. Ein Boing-Export von vor einem Jahr. höchstens. Geboren am Flusse Kouilou.
JEAN VAUTRIN, GROOM
MICHEL PASTOUREAU, DES TEUFELS TUCH
Michel Pastoureau, Des Teufels Tuch. Eine Kulturgeschichte der Streifen und der gestreiften Stoffe, Frankfurt a. Main 1995
Zu viele Streifen machen zu guter Letzt närrisch.
MICHEL PASTOUREAU, DES TEUFELS TUCH
JEAN VAUTRIN, HAARSCHARF AM LEBEN
Jean Vautrin, Haarscharf am Leben, Berlin 1991
Vor allem dürfen Sie nicht vergessen, die Strümpfe umzukrempeln, drei Zentimeter, nicht mehr und nicht weniger, einfach ein Saum aus Wolle, der Sie wie durch ein Wunder vor blauen Flecken schützt.
JEAN VAUTRIN, HAARSCHARF AM LEBEN
JEAN VAUTRIN, BLOODY MARY
Jean Vautrin, Bloody Mary, Berlin 1988
Mit einer Handbewegung schaltete Butch Cassidy die Harley Davidson aus. Da es sie nur in seiner Einbildung gab, konnte er sie einfach irgendwo auf dem Gehweg stehen lassen. Pech für die Leute des Sheriffs.
JEAN VAUTRIN, BLOODY MARY
HANNAH ARENDT, ZUR ZEIT
Berlin 1986
In allen Teilen des Landes fallen die Neger wegen ihrer „Sichtbarkeit“ auf.
HANNAH ARENDT, ZUR ZEIT